Gesellschaftliche Verantwortung

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Foto: Annika List

Im Gespräch mit Alexander Hüge, Geschäftsführer von Alnatura

Für unsere Interviewreihe Gesellschaftliche Verantwortung sprechen wir in den kommenden Wochen mit sechs Führungskräften, die das Thema in ihrem Familienunternehmen verantworten.

Für Unternehmen ist das Übernehmen von Gesellschaftlicher Verantwortung (CSR) heute wichtiger denn je. Allerdings gibt es keinen einheitlichen Ansatz, besonders Familienunternehmen haben häufig eine sehr individuelle CSR-Strategie.

Zum Auftakt sprechen wir mit Alexander Hüge, Geschäftsführer von Alnatura: Im Interview erzählt er uns, warum Alnatura keine gesonderte CSR-Strategie benötigt, wie man nachhaltig wirtschaftet ohne große Mehrkosten zu generieren und weshalb manche Produktideen am kundenzentrierten Ansatz des Unternehmens scheitern können.

Wie definiert Alnatura Gesellschaftliche Verantwortung?

Bei uns ist es so, dass unsere Vision „Sinnvoll für Mensch und Erde“ direkt in einem gesellschaftlich verantwortungsvollen Ansatz verankert ist.

Wir denken dabei in zwei Sphären. Eine ist für den Menschen: Kultur, Soziales und Wirtschaft sind hier wichtig. Und auf der anderen Seite ist es die Erde. Dort sind es die Themen Energie, Luft, Wasser, Boden, Pflanzen und Tiere. Und wann immer möglich, bringen wir diese Sphären auch zusammen.

Das beschreibt unseren ganzheitlichen Ansatz.
 

Inwiefern führt die Einbettung von Gesellschaftlicher Verantwortung in die Unternehmensphilosophie im Vergleich zu anderen Unternehmen zu einer besonderen Herangehensweise?

Dadurch, dass unsere Vision ohnehin unser ganzes Handeln bestimmt, besitzen wir keine separate CSR-Strategie. Was für uns jedoch stets relevant ist, sind unsere Nachhaltigkeitsziele. Diese sind immer stark verzahnt mit unseren Unternehmenszielen und folgen unserem ganzheitlichen Ansatz. 
 

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Der Alnatura Campus in Darmstadt.

Foto: Lars Gruber

Entstehen durch diesen ganzheitlichen Ansatz Vorteile in der Außendarstellung?

Im Vergleich zu einem Großteil unserer Mitwettbewerber nimmt man uns sicherlich als besonders authentisch wahr. Denn wir können mit gutem Gewissen davon sprechen, dass wir ein nachhaltiges Unternehmen sind. Wir müssen keine Werbekampagnen starten oder Greenwashing betreiben, sondern wir können das aus voller Überzeugung sagen. Durch unseren Gründer ist das schon immer Teil unserer Unternehmens-DNA gewesen und es findet sich in allem was wir tun: Von unseren Märkten bis hin zu unserem Unternehmenssitz, dem Alnatura Campus, einem der nachhaltigsten Bürogebäude Europas. Wenn man sich mit Alnatura auseinandersetzt, dann merkt man, dass uns das Thema durchgängig beschäftigt und dass wir stets versuchen, noch einen Schritt weiterzugehen. Und entsprechend wollen wir auch unseren Mitarbeitenden die Möglichkeit geben, sich dahingehend immer wieder selbst einzubringen. 
 

Jetzt ist Alnatura zusätzlich auch noch ein Familienunternehmen — sind Sie der Meinung, dass Familienunternehmen allgemein ein höheres Maß an gesellschaftlicher Verantwortung übernehmen sollten?

Ich glaube, es macht einen großen Unterschied, ob ein Unternehmen einem Shareholder-Value-Ansatz folgt oder eben, wie es bei Familienunternehmen der Fall ist, einen langfristigen Denkansatz verfolgt. Besonders was Nachhaltigkeitsthemen vor Ort betrifft, haben die Familienunternehmen oft einen anderen Blick, nicht zuletzt, weil die Gründerfamilie ja häufig selbst mit dem Standort verwurzelt ist. Und auch der Umgang mit den Mitarbeitenden ist bei diesem langfristigen Denkansatz sicherlich ein anderer.
 

< >Dr. Christian Klein - Professor für Sustainable Finance an der Universität Kassel

Dr. Christian Klein

Professor für Sustainable Finance an der Universität Kassel

Haben Familienunternehmen bessere Voraussetzungen, um sich den großen Herausforderungen der Zukunft zu stellen?

„Familienunternehmen haben erst mal einen großen Vorteil, weil sie klare Strukturen haben: wenn die Familie Entscheidungen trifft, werden sie umgesetzt.

Investitionen, die Nachhaltigkeit betreffen, kosten kurzfristig sehr viel und zahlen sich erst auf lange Sicht aus. Damit hadern viele Unternehmen, die ihren Aktionären verpflichtet und von der Bedeutung von Quartalsberichten abhängig sind. Familienunternehmen haben aus meiner Sicht mehr Möglichkeiten, langfristige Strategien zu entwickeln.

Wichtig ist aber ein absolutes Commitment. Denn die Aufgaben, die anstehen, schaffen auch Familienunternehmen nur, wenn die Familie geschlossen hinter den Investitionen steht.“ 
 

Wie prüft Alnatura, ob der unternehmenseigene langfristige Denkansatz auch wirklich die Bedürfnisse der Gemeinschaft erfüllt?

Als Handelsunternehmen ist es bei uns ganz klar: wir haben den Auftrag, Menschen mit qualitativ hochwertigen Bio-Lebensmitteln zu versorgen, die gleichzeitig auch noch gut schmecken.

In der Umsetzung bedeutet das auf der einen Seite, dass wir partnerschaftlich mit all unseren Herstellern arbeiten und dass diese von uns auch fair bezahlt werden. Auf der anderen Seite verfolgen wir aber auch einen kundenzentrierten Ansatz und wollen sicherstellen, dass unsere Produkte erschwinglich bleiben. Damit erfüllen wir ein wichtiges Bedürfnis der Gesellschaft.

Darüber hinaus wollen wir als „kleine grüne Ameise“ zwischen den Big Playern selbstverständlich auch zeigen, dass Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Verantwortung nicht unbedingt teurer sein müssen.

Wenn man sich zum Beispiel unseren Alnatura Campus anschaut: trotz unseres nachhaltigen Ansatzes lag der Quadratmeterpreis bei lediglich knapp 1800 Euro. Andere moderne Bürogebäude, die nicht nachhaltig entwickelt und gebaut sind, kosten das Doppelte. Das zeigt: wenn man mit einer gewissen Klugheit an die Themen herangeht, kann man sehr viel bewegen, ohne dass es gleich große Kosten verursacht. 
 

Gibt es Metriken, die Alnatura nutzt, um Maßnahmen statistisch greifbar zu machen?

Wir haben unseren Nachhaltigkeitsbericht, den wir seit 2014 alle zwei Jahre auf freiwilliger Basis erstellen. Dahinter steht auch ein Kennzahlensystem. Unsere Nachhaltigkeitsabteilung fragt die Zahlen jährlich bei den Fachabteilungen ab. Alle müssen regelmäßig Zahlen und Datenmaterial zur Verfügung stellen, denn nur so werden Entwicklungen sichtbar. Das heißt wir legen der Öffentlichkeit gegenüber Rechenschaft ab und untermauern unsere Bilanz mit Fakten.

Das ist in der Praxis gar nicht so einfach. Unser Kennzahlensystem hilft uns hier aber schon enorm, um zu prüfen, ob gewisse Maßnahmen sinnvoll sind. 
 

< >Christian Felber - Wirtschaftssystemkritiker und Bestseller-Autor

Christian Felber

Wirtschaftssystemkritiker und Bestseller-Autor (u.a. „Die Gemeinwohl-Ökonomie“) 

Foto: Robert Gortana

Wie können Unternehmen authentisch ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten kommunizieren?

„Ich ziehe mal einen Vergleich: Angenommen, jedes Unternehmen würde mittels der PR-Abteilung darstellen, wie solide seine Finanzen sind, ohne seine Aussagen zu belegen: Es würde niemanden interessieren, jeder würde sagen: ‚Zeig mir doch deine Bilanz!‘.

Auch im Bereich CSR müssen wir hin zu einer standardisierten, vergleichbaren, quantifizierten und extern bewerteten Darstellung sowie standardisierten Indikatoren und Berichtsthemen. Das würde auch allen Unternehmen helfen, die aktuell schon wichtige Maßnahmen umsetzen. Denn die geraten ja in einen unfairen Nachteil gegenüber denjenigen, die das Gleiche von sich behaupten, aber bei denen nichts dahintersteckt.“
 

Und wie sieht das unternehmensintern aus: wie entscheidet Alnatura für sich selbst, ob gewisse Maßnahmen sinnvoll sind?

Wie bereits angesprochen sind wir ein kundenzentriertes Unternehmen und deshalb stellen wir uns natürlich regelmäßig die Frage: Sind das wirklich Themen, die unsere Kundinnen und Kunden auch interessieren? Die Nachhaltigkeitsabteilung erstellt jedes Jahr eine Wesentlichkeitsmatrix, die alle drei Jahre durch eine umfassende Stakeholderbefragung überprüft wird. Hierbei werden auch unsere Kundinnen und Kunden befragt. Das Thema Tierwohl zum Beispiel steht in dieser Matrix ganz oben – ist also aus interner wie externer Sicht besonders wichtig für Alnatura. Wir haben uns zuletzt lange mit der kuhgebundenen Kälberaufzucht auseinandergesetzt. Für gewöhnlich ist es so, dass die Kälber kurz nach der Geburt von den Müttern getrennt und dann separat aufgezogen werden.

Wir haben entschieden, dass wir die kuhgebundene Kälberaufzucht unterstützen wollen und eine spezielle Milch auf den Markt bringen. Entscheidend ist aber folgende Frage: Ist der Kunde bereit für dieses Mehr an Tierwohl auch mehr zu bezahlen? Das ist immer eine große Herausforderung: Man hat eine gute Idee und Tierwohl ist uns bei Alnatura selbstverständlich enorm wichtig. Aber ist der Kunde auch bereit, dies zu honorieren? Da müssen wir immer genau hinschauen und teilweise auch ein bisschen Geduld haben. Am Ende sind wir ein Wirtschaftsunternehmen. So ehrlich muss ich auch sein: wir können keine zu großen Risiken eingehen.

Und das ist eben ein wenig die Herausforderung: Wie bekommt man so etwas umgesetzt auf einem Markt, der eine überschaubare Größe hat.  Denn   Bio-Lebensmittel besitzen im Vergleich zum konventionellen Lebensmittelhandel nur einen Marktanteil von etwa 7 Prozent
 

Wie gelingt es Alnatura, dass alle Mitarbeitenden die Unternehmensphilosophie in ihrer täglichen Arbeit mitdenken?

Bei uns ist das, Gott sei Dank, einfach, denn wir haben tatsächlich einen Großteil an Kolleginnen und Kollegen im Unternehmen, die von unserer Vision überzeugt sind. Etwas Sinnvolles und Nachhaltiges zu tun, ist für viele ganz wichtig. Und das hilft uns natürlich auch in der Breite, unsere Philosophie und unsere Vision gut zu verankern.

Zusätzlich sprechen wir auch sehr viel intern darüber. Bewusstseinsbildung für Nachhaltigkeit ist Teil der Unternehmenskultur – zum Beispiel in Form von Seminaren und Workshops. Darüber hinaus haben wir unsere Nachhaltigkeitsziele, die wir runterbrechen bis in die Teams hinein, sodass jedes Team seinen Beitrag leisten kann. Es kommt keiner bei uns an dem Thema vorbei. 
 

Einen Schritt weitergedacht: wie gelingt es Alnatura auch bei externen Partnerunternehmen sicherzustellen, dass Gesellschaftliche Verantwortung mitgedacht wird?

Da sind wir ein bisschen stolz drauf: wir sind seit 2021 nach dem „We Care“-Standard zertifiziert, einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitszertifizierung des FiBL Deutschland e. V. (Forschungsinstitut für Biologischen Landbau, Anm. d. Red.).

Im Rahmen der Zertifizierung wird jährlich durch einen externen Auditor geprüft, ob unser Reden mit dem Handeln übereinstimmt. Ein besonderer Fokus liegt auf dem Lieferkettenmanagement und dem fairen und nachhaltigen Umgang entlang der Lieferketten, vom Landwirt bis in unsere Märkte. Wir lassen uns anhand von 164 Kriterien prüfen. Und wir sind sehr stolz drauf, dass wir auch dieses Jahr mit einem sehr guten Ergebnis abgeschlossen haben. Die Zertifizierung hilft uns auch Themen und Ansatzpunkte zu identifizieren, in denen wir besser werden können und daran arbeiten wir auch aktiv. Aber es ist schon eine Besonderheit, neben dem gesetzlichen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz zusätzlich diesen Standard einzuhalten.

Das Thema Lieferkettenverantwortung ist für uns aber nicht neu. Schon seit 2014 haben wir mit der Alnatura Policy Sozialstandards ein Regelwerk, welches den Umgang mit Sozialstandards und fairen Arbeitsbedingungen in der Lieferkette der Alnatura Produkte gemeinsam mit unseren Partnern – auch vertraglich - regelt.
 

Interview: Maximilian Kaiser

In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten.  Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.

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