Mental Health am Arbeitsplatz

Mental Health - Dr. Kathrin Gimpel, Chief Human Ressources Manager bei der Teekanne GmbH & Co. KG

Foto: Teekanne

Mental Health - Dr. Kathrin Gimpel, Chief Human Ressources Manager bei der Teekanne GmbH & Co. KG

In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema Mental Health am Arbeitsplatz bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle Mental Health in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat. 

Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort. 

In diesem Interview spricht Dr. Kathrin Gimpel mit uns darüber, dass die Fürsorge für die Mitarbeitenden bei Teekanne Teil der Kultur ist. 

 

Interview: Bärbel Brockmann, 26.06.2026

Welche Mittel und Maßnahmen setzt Teekanne ein, um die Mitarbeiter nicht nur körperlich, sondern auch mental gesund zu halten?

Dr. Kathrin Gimpel: Das Wichtigste ist, dass wir eine Kultur haben, in der man Probleme überhaupt ansprechen kann. Diese Kultur ist das Fundament, weil für uns die Menschen immer im Mittelpunkt stehen. Wir haben deshalb ein sehr breites Angebot geschaffen, um den Mitarbeitenden bestmögliche Unterstützung bei Problemen zu geben. Vor gut einem Jahr hat sich Teekanne zum Beispiel entschieden, allen Mitarbeitenden und deren Angehörigen die Dienstleistungen der Online-Plattform Voiij kostenlos zugänglich zu machen. Voiij bietet ein breites Spektrum an Angeboten, die eine gesunde Work-Life-Balance ermöglichen. Man findet dort komplette Hilfsangebote für alle Lebenslagen und in allen Lebensphasen. Das wird von unseren Mitarbeitenden sehr gut angenommen. Wir bieten auch intern psychologische Unterstützung an. Außerdem ist bei uns weiterhin Mobilarbeit möglich, weil wir überzeugt sind, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Privatem zu erhöhen. Last but not least führen wir regelmäßig eine Mitarbeiterbefragung durch. Wir fragen darin, wie es dem einzelnen bei uns als Arbeitgeber geht. Daraus leiten wir dann Maßnahmen für die komplette Organisation ab.

 

Was sind die Vorteile interner Maßnahmen und welche Vorteile haben extern eingekaufte Angebote?

Interne Maßnahmen haben den großen Vorteil, dass sie sehr schnell ergriffen werden können und damit auch schnell helfen können. Weil die Wege kurz sind, weil die Ansprechpartner in der Nähe sind. Hinzu kommt, dass wir bei einem festgestellten Unbehagen in unserer Belegschaft – etwa durch die eben genannte Mitarbeiterbefragung – als Unternehmen reagieren und maßgeschneiderte Maßnahmen dagegen ergreifen können. Wir sind dennoch der Überzeugung, dass wir darüber hinaus auch externe Maßnahmen ergreifen müssen. Denn wir brauchen in vielen Fällen einfach externes Know-how. Wir sind ja keine Psychologen oder Psychiater. Die Plattform Voiij bietet zum Beispiel eine psychologische Notfall-Hotline an. Kolleginnen und Kollegen mit einem massiven Problem können dort sofort Hilfe bekommen. Wir bei Teekanne finden daher eine Mischung von internen und externen Maßnahmen sehr innvoll. 

 

Das alles ist mit Kosten verbunden.

Das stimmt natürlich. Aber die Fürsorge für die Mitarbeitenden ist Teil unserer Kultur und unserer Strategie als Familienunternehmen. Wir investieren nicht nur in Maschinen oder in Prozesse, sondern auch in unsere Mitarbeiter. Das zahlt sich aus: Bei uns ist der Krankenstand niedriger als anderswo, die Verbundenheit mit dem Unternehmen ist viel höher. Wir haben nur eine ganz geringe Fluktuation.  

 

< >Prof. Dr. Nicolas R. Ziebarth, Leiter des ZEW-Forschungsbereichs Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen

Experte Prof. Dr. Nicolas R. Ziebarth

Leiter des ZEW-Forschungsbereichs Arbeitsmärkte und Sozialversicherungen

Welcher ökonomische Schaden entsteht durch psychisch erkrankte Beschäftigte? 

Prof. Dr. Nicolas R. Ziebarth: Da entsteht ein sehr großer Schaden, vor allem angesichts des vielerorts ohnehin bestehenden Fachkräftemangel. Mit psychischen Beschwerden fehlen die Beschäftigten in der Regel länger als mit körperlichen. Die Arbeitgeber sind zur Lohnfortzahlung bis zu sechs Wochen verpflichtet. Die Produktivität der Fehlenden ist aber Null. Wenn die Menschen dann erholt wiederkommen, können sie den Ausfall vielleicht ein wenig kompensieren, aber grundsätzlich verliert man als Unternehmerin oder Unternehmer die komplette Arbeitszeit und hat dieselben Kosten. Zudem müssen Kollegen dann die Arbeit der erkrankten Person übernehmen. Aber auch wenn sich die Beschäftigten nicht krank melden, leiden in der Regel die Konzentration und die Qualität ihrer Arbeit. Dadurch können weitere Konflikte am Arbeitsplatz und damit eine schlechte Stimmung entstehen. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen durch psychisch bedingte Fehlzeiten sind daher substanziell. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, dass Fehlzeiten die Unternehmen in Deutschland pro Jahr etwa 80 Milliarden Euro kosten. Ein immer größerer Anteil davon entfällt auf Fehlzeiten durch psychomentale Probleme. 

Sind die Menschen heutzutage anfälliger für mentale und psychische Erkrankungen?

Ich glaube, früher hat man psychische Belastungen und Krankheiten einfach nicht thematisiert. Sie waren tabu. Das ist mancherorts sicher immer noch so. Bei uns ist das aber anders. Wir wollen es salonfähig machen, solche Probleme anzusprechen. Deswegen haben wir auch dieses breite Spektrum an Angeboten geschaffen. Im Idealfall kommt es dadurch erst gar nicht zu einer mentalen oder psychischen Störung. Ich muss allerdings auch sagen, dass die Menschen heutzutage einem hohen psychischen Stress ausgesetzt sind. Sie hören in den Nachrichten immer nur von Krisen und Unsicherheit. Viele haben nicht mehr das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Sie fühlen sich ohnmächtig, ihre Selbstwirksamkeit wird stark eingeschränkt. Ich glaube nicht, dass die Menschen heute weniger belastbar sind. Es strömt nur viel mehr auf sie ein als früher. Deswegen versuchen wir den Mitarbeitenden das Gefühl zu geben, etwas mitkontrollieren zu können. Wenn wir etwas Neues einführen, wie beispielsweise die Plattform Voiij, dann fragen wir, ob dieses Angebot hilfreich ist und wo es noch erweitert werden könnte. Die Menschen sollen merken, dass sie mitgestalten können und nicht ausgeliefert sind. 

 

Nicht jeder mit einem psychischen Problem traut sich, das offen einzugestehen. Wie erreichen Sie diese Menschen?

Bei uns sind die Führungskräfte angehalten, darauf zu achten, wie es den einzelnen Mitarbeitenden geht. Das funktioniert bei uns gut, auch weil wir noch eine überschaubare Größe haben. Menschen, die sich nicht trauen, können natürlich auch die anonyme Hotline bei Voiij anrufen. Auf die machen wir überall im Unternehmen an Aushängen aufmerksam. Dennoch: Wir werden sicherlich nicht jeden Menschen erreichen, aber das ist auch in Ordnung. Wichtig ist, dass wir – unsere Führungskräfte, aber auch wir von HR - unsere Kultur vorleben.

 

Ist es für Familienunternehmen einfacher, Mental Health zu gewährleisten, als für große Konzerne? 

Es kommt meiner Meinung nach nicht auf die Größe eines Unternehmens an, als vielmehr auf die gelebte Unternehmenskultur. Es geht vor allem darum, ob die Menschen in einem Unternehmen in erster Linie als Menschen gesehen werden oder primär in ihrer jeweiligen Funktion. Es gibt bestimmt auch kleine Unternehmen, in denen die Menschen nur als Funktionsträger gesehen werden, und es gibt große Organisationen, wo der Mensch im Vordergrund steht. In einem Unternehmen unserer Größe ist es allerdings leichter, einen persönlichen Kontakt zu den Mitarbeitenden zu halten. Das ist so in großen Organisationen nicht zu leisten. Noch einmal: Es ist elementar, welche Werte ein Unternehmen hat und ob es diese Werte auch tatsächlich vertritt. Wir bei Teekanne tun das.

 

In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten. Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.

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