Mental Health am Arbeitsplatz

René Hüggelmeier, Senior Vice President People & Culture, Legal bei Felix Schoeller

Foto: Felix Schoeller

René Hüggelmeier, Senior Vice President People & Culture, Legal bei Felix Schoeller

In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema Mental Health am Arbeitsplatz bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle Mental Health in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat. 

Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort. 

In diesem Interview spricht René Hüggelmeier mit uns darüber, dass die Veränderungsgeschwindigkeit bei Immer mehr Mitarbeitenden zu psychischen Problemen führt.

 

Interview: Bärbel Brockmann, 04.02.2026

Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage fürchten viele Menschen um ihren Job. Führt das bei Felix Schoeller zu einer Zunahme psychischer Probleme in der Belegschaft? 

René Hüggelmeier: Ja, das spüren wir schon. Die wirtschaftliche Lage ist schon länger schwierig. Auch wir mussten uns dieser Herausforderung stellen. Es gab Kurzarbeit, wir haben uns von Mitarbeitenden getrennt, immerhin konnten wir das sozialverträglich tun. Die Lage verstärkt die Sorgen der Menschen. Hinzu kommt die permanente Veränderung der Arbeitswelt, die steigende Komplexität der Anforderungen durch den technologischen Wandel. Die Mitarbeitenden müssen stetig lernen und ihre Qualifikationen und Kompetenzen anpassen. Veränderung gab es natürlich schon immer, aber die Geschwindigkeit hat enorm zugenommen. Das führt bei immer mehr Mitarbeitenden zu physischen Problemen. Manche denken, sie schaffen die Anpassung nicht. Zusammen mit der angespannten wirtschaftlichen Situation und der Sorge um Jobverlust und Wohlstand führt dies vermehrt zu Unsicherheit, und bei einer wachsenden Zahl von Mitarbeitenden zu psychischen Belastungen.

 

Wie reagieren Sie denn als Unternehmen darauf? 

Wir haben im Rahmen unseres betrieblichen Gesundheitsmanagements entsprechende Angebote etabliert. Das sind zum Beispiel Sozialberatungen. Darüber hinaus bieten wir auch eine Hotline, an die sich Mitarbeitende wenden können, die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden. Es dauert ja heute relativ lange, bis man einen Termin bei einem Psychologen bekommt. Mit der Hotline stellen wir sicher, dass unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schon sehr kurzfristig auf eine erste Unterstützung zugreifen können, und kompetente Ansprechpartner zur Seite haben. Auf der anderen Seite sind für uns Kommunikation und Transparenz Schlüssel zur Vermeidung psychischer Probleme unter den Mitarbeitenden. Wir haben so genannte Change Agents etabliert, Kollegen in unterschiedlichsten Bereichen des Unternehmens, die ihren anderen Kollegen betriebliche Veränderungen, neue Maßnahmen oder Veränderungen in der Organisation auf Augenhöhe erklären. Wir sind davon überzeugt, damit eventuell aufkommende Angst mindern zu können. Wir können nicht jede Sorge und jede Ungewissheit nehmen. Doch die Change Agents helfen durch die regelmäßigen Meetings dabei, diese Sorgen nicht in Angst und Lähmung umschlagen zu lassen.

 

FIEGE Ventures Team

Welche Rolle spielt Führung? 

Eine entscheidende. Die stetigen Veränderungen in unserer Organisation, die Herausforderungen, die sich dadurch für die Belegschaft ergeben, all das stellt hohe Anforderungen an die Führung unseres Unternehmens. Wir haben deshalb unsere Führungskräfte in den vergangenen anderthalb Jahren entsprechend qualifiziert. Es gab zahlreiche Workshops, wo die Führungskräfte gelernt haben, wie sie kommunizieren, wie sie Transparenz herstellen können – um dadurch dazu beizutragen, Sorgen und Unsicherheit in der Belegschaft zu reduzieren. Wir haben in einem mehrstufigen Prozess auch unsere Führungsgrundsätze überarbeitet. Daran haben Mitarbeitende  weltweit mitgewirkt.

 

Ganz konkret: Was bedeutet Führung, wenn ein Mitarbeiter sich zum Beispiel gemobbt fühlt? 

In den Trainings der Führungskräfte ist deutlich geworden, wie wichtig die Nähe zu den Mitarbeitenden ist, wie wichtig der wechselseitige Austausch ist. Es ist unser Anspruch, dass die Führungskräfte jederzeit erkennen können, wenn etwas in ihrem Verantwortungsbereich nicht stimmt. Sie müssen einfach mitbekommen, was los ist. Und wenn sie das mitbekommen haben, müssen sie intervenieren. Die Führungskräfte müssen natürlich auch alle Unterstützungsangebote im Unternehmen kennen und dabei helfen, dass Betroffene sie in Anspruch nehmen. Oberstes Ziel bleibt aber, dass es erst gar nicht zu solchen unangenehmen Situationen kommt.

 

< >Expertin Nora Dietrich - Psychotherapeutin, Autorin und Gründerin von Between People

Expertin Nora Dietrich

Psychotherapeutin, Autorin und Gründerin von Between People

Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die etwas für Mental Health tun wollen?

Nora Dietrich: Es ist wichtig, erst einmal eine Datenbasis zu schaffen. Eine Möglichkeit sind hier die klassischen Mitarbeiterbefragungen. Dort wird ermittelt, wie es den Leuten gerade geht, wo sie die größten Hürden für eine gesunde Arbeit sehen und wo Verbesserungsmöglichkeiten. Noch besser ist es, die sogenannte Gefährdungsbeurteilung Psyche durchzuführen, die seit 2013 Teil des Arbeitsschutzgesetzes ist. Das ist ein systematischer Prozess, bei dem Arbeitgeber die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz ermitteln, bewerten und geeignete Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeitergesundheit ableiten. Das ist sehr spezifisch und bedürfnisorientiert und schafft das interne Pendant zu den extern eingekauften Maßnahmen wie etwa eine bezahlte Mitgliedschaft im Fitness-Studio.

Wie wirken sich psychisch kranke Mitarbeiter auf ihr betriebliches Umfeld und die Arbeitseffizienz aus? 

Unser Anspruch ist es, dass wir rechtzeitig merken, wenn ein Mitarbeiter Probleme hat. Wenn er oder sie dann nach einer Krankschreibung zurückkehren, finden bei uns fürsorgliche Gespräche statt, nicht bloß formal, sondern auf Augenhöhe. Die Führungskraft fragt dann, ob man sich wieder fit fühle, ob der Arbeitgeber noch etwas zu berücksichtigen habe, wie sich derjenige in seinem Arbeitsumfeld fühle. Nach eine längeren Abwesenheit haben wir auch ein betriebliche Eingliederungsmanagement. Klar ist aber auch: Wenn jemand immer wieder fehlt, dann wirkt sich das natürlich schon auf das Umfeld und die Arbeitseffizienz aus. Andere müssen die Arbeit mitmachen, denn so kurzfristige Ausfälle können nicht anders kompensiert werden. Im schlimmsten Fall müssen sogar Schichten ausfallen. Das sind für uns riesige Herausforderungen. Deshalb ist es ja so wichtig, frühzeitig entstehende Probleme der Mitarbeitenden zu erkennen und unsere Unterstützungsmaßnahmen anzubieten.

 

Werden diese Angebote angenommen? 

Es kommt viel darauf an, wie sehr sich der einzelne schon eines Problems bewusst ist. Viele Dinge verdrängt man eine Zeitlang. Auch ist es so, dass psychische Probleme ihre Ursache meist nicht nur am Arbeitsplatz haben. Viele tragen ein Bündel an Problemen mit sich herum. Dann ist das, was man auf der Arbeit erlebt, manchmal der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Wenn sich ein Mitarbeitender noch gar nicht des Problems an sich bewusst ist oder es verdrängt, nimmt er die Angebote nicht wahr. Dazu braucht es schon ein Problembewusstsein.

 

Würden die Mental-Health-Probleme mit einem spürbaren und anhaltenden Aufschwung kleiner? 

Es würde den Menschen zumindest eine große Last genommen. Die Sorge, den Job zu verlieren, würde kleiner. Die Herausforderungen, die mit der Veränderungsgeschwindigkeit der Arbeitswelt entstehen, die bleiben aber. Damit bleibt auch der Druck, der auf den Mitarbeitenden lastet. Hinzu kommen die vielen anderen Krisen derzeit auf der Welt. Ich beobachte schon seit vielen Jahren, dass psychische Erkrankungen zunehmen. Neuerdings sprechen die Betroffenen aber eher darüber. Das liegt sicher auch daran, dass inzwischen eine Vielzahl an Prominenten, seien es Fußballer oder Schauspieler, über ihre psychischen Probleme sprechen. Das finde ich gut, das ist wichtig.

In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten. Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.

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