Mental Health am Arbeitsplatz

Mental Health - Joel Hartwig, Gesundheitsmanager bei WAGO

Foto: WAGO

Joel Hartwig, Gesundheitsmanager bei Wago

In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema Mental Health am Arbeitsplatz bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle Mental Health in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat. 

Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort. 

In diesem Interview spricht Joel Hartwig mit uns darüber, wie bei WAGO Mental Health tatsächlich gelebt wird. 

 

Interview: Bärbel Brockmann, 03.06.2026

Welchen Stellenwert hat Mental Health bei Wago?

Joel Hartwig: Mental Health hat als Teil unseres Gesundheitsmanagements einen sehr hohen Stellenwert. Für uns gehören psychische und körperliche Gesundheit ganz klar zusammen – das eine funktioniert nicht ohne das andere. Themen wie Bewegung, Ernährung, Achtsamkeit, Stressabbau oder Resilienz spielen dabei eine große Rolle, weil sie insgesamt dazu beitragen, dass unsere Mitarbeitenden gesund bleiben.

Mentale Gesundheit ist bei WAGO nicht nur ein Schlagwort, sondern fest in unserer Unternehmenskultur verankert – das merke ich persönlich auch in meinem Arbeitsalltag. Wenn ich zum Beispiel mit meiner Führungskraft spreche, geht es nicht nur um Zahlen oder Ergebnisse. Da kommt selbstverständlich auch die Frage: „Wie geht’s dir eigentlich?“
Und genau diese Haltung zeigt für mich, welchen Stellenwert Mental Health bei uns wirklich hat.

 

Was tut Wago, um die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden zu erhalten oder zu verbessern?

Im Bereich Mental Health haben wir in den letzten Jahren zum Beispiel eine Mitarbeitendenberatung eingeführt. Die Kolleginnen und Kollegen können dadurch zu ganz unterschiedlichen Themen Unterstützung erhalten – sei es eine belastende private Situation wie Probleme in der Partnerschaft oder Konflikte mit den Kindern, finanzielle Sorgen oder auch Herausforderungen im Arbeitsalltag. Die Nutzung dieses Angebots ist für alle Mitarbeitenden anonym möglich und streng vertraulich. Sie schildern einem Fallmanager ihr Anliegen, der dann einschätzt, welche Unterstützung sinnvoll ist. Je nach Situation erfolgt eine Weitervermittlung an passende Experten, zum Beispiel an einen Psychologen. Das ist für viele ein sehr hilfreicher Weg, um schnell und unkompliziert Unterstützung zu bekommen.

In Sachen Prävention gibt es verschiedene Lernangebote etwa zu den Themen Stress, Resilienz, Ernährung, Schlaf. Sie alle haben das Ziel, die eigene Gesundheitskompetenz der Mitarbeitenden im Alltag zu verbessern. Wir veranstalten Vorträge, bieten Kurse an, online und in Präsenz. Damit wollen wir zugleich die Mitarbeiterbindung und das Teamgefüge stärken. Das Feedback, das wir bekommen, ist sehr positiv.

 

 

WAGO - MooveWorkshop

Wie sind die Führungskräfte eingebunden?

Die Schulung „Gesundes Führen“ ist bei uns ein sehr wichtiges Angebot für Führungskräfte, denn sie hilft ihnen dabei, nicht nur auf ihre Mitarbeitenden, sondern auch auf sich selbst zu achten. Der Ansatz kombiniert Self-Care – also die eigene Gesundheit, Belastbarkeit und Grenzen wahrzunehmen – und Staff-Care, also die Fürsorge gegenüber dem Team. Nur eine gesunde Führungskraft kann auch gut führen – davon bin ich überzeugt.

In der Schulung erhalten die Führungskräfte hilfreiches Handwerkszeug, um ihre eigene Belastung im Blick zu behalten und mit ihrer Personalverantwortung gut umzugehen. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Kommunikationskompetenz: Führungskräfte sollen in der Lage sein, auch schwierige oder sensible Themen offen und konstruktiv mit ihren Mitarbeitenden anzusprechen. Genau dafür schulen wir sie, damit sie sich selbst und ihre Teams sicher, wertschätzend und gesund durch den Arbeitsalltag führen können.

 

Spüren Sie in der Belegschaft eine zunehmende Unsicherheit?

Das Thema psychische Belastungen am Arbeitsplatz gewinnt in der gesamten Gesellschaft zunehmend an Bedeutung – so auch bei WAGO. Die Gründe dafür sind vielfältig: Zum einen verunsichern gesellschaftliche Entwicklungen, Krisen und Kriege. Zum anderen verändert sich die Arbeitswelt durch die Digitalisierung rasant – mit einer ständig wachsenden Informationsflut und immer neuen Tools. Vieles wird schneller und komplexer, und genau das kann bei vielen Menschen zu Unsicherheit führen.

Ein gutes Beispiel ist der Umgang mit neuen digitalen Anwendungen: Für manche Mitarbeitende entsteht zusätzlicher Druck, weil regelmäßig neue Systeme eingeführt werden und sie das Gefühl haben, kaum noch hinterherzukommen. Dieses permanente „Mehr“ kann schnell zu Überforderung führen.

Gleichzeitig sehen wir diesen Wandel auch als Chance: Neue Technologien können entlasten, Prozesse vereinfachen und mehr Flexibilität schaffen – vorausgesetzt, man nimmt die Menschen frühzeitig mit, schult sie gut und gibt ihnen Orientierung. Deshalb begleiten wir diese Entwicklungen bewusst mit passenden Angeboten, Schulungen und einer offenen Kommunikationskultur, um unsere Mitarbeitenden bestmöglich zu unterstützen.

 

Kann man heute besser über mentale Probleme sprechen?

Ja, ich habe den Eindruck, dass sich in den letzten Jahren viel in die richtige Richtung bewegt hat. Menschen sprechen heute offener über mentale Belastungen, und psychische Themen haben insgesamt mehr Sichtbarkeit bekommen. Auch in der Diagnostik hat sich einiges weiterentwickelt, sodass Probleme früher erkannt werden können. Trotzdem ist auch klar: In vielen Bereichen fällt es Menschen immer noch schwer, über psychische Herausforderungen zu sprechen – aus Unsicherheit, Scham oder Angst vor Stigmatisierung.

Für uns bei WAGO ist es deshalb wichtig, Arbeitsbedingungen zu schaffen, unter denen Menschen frei und offen sagen können, wenn sie etwas bedrückt. Wir müssen dahin kommen, dass eine psychische Erkrankung genauso “normal” angesehen wird wie ein Beinbruch. Wir sind hier auf einem guten Weg. 

 

< >Expertin Nora Dietrich - Psychotherapeutin, Autorin und Gründerin von Between People

Expertin Nora Dietrich

Psychotherapeutin, Autorin und Gründerin von Between People

Spielt Arbeit heute eine andere Rolle im Leben?

Früher haben viele Menschen in der Arbeit nicht in erster Linie nach Sinn, Zugehörigkeit und Zusammenhalt gesucht. Diese Grundbedürfnisse fand man außerhalb der Arbeit: in der Religion, in Nachbarschaften, in der großen Familie. Die Menschen waren meist ortsverbunden, man kannte sich. Heute sind die Menschen viel mobiler, viele leben in Mikrofamilien, sie wechseln die Orte häufiger. Die Folge ist, dass Arbeit heute diese Grundbedürfnisse erfüllen soll: als Ort, an dem man sich wohlfühlt, Freundschaften schließt. Früher gab es den Spruch: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Man arbeitet, um sich das Leben außerhalb der Arbeit schön machen zu können. Die jungen Generationen heute denken sich: Warum soll die Arbeit nicht Teil des Vergnügens sein? 

Welche Teile der Belegschaft sind stärker als andere von psychischen Problemen betroffen?

Wir stellen fest, dass besonders jüngere Mitarbeitende häufiger Unterstützungsbedarf haben. Viele von ihnen stehen unter einem gewissen Orientierungsdruck – der Übergang von der Schule ins Berufsleben, steigende Erwartungen und die Frage, wo ihr Platz ist, fordern sie heraus. Deshalb bieten wir speziell für die jüngere Belegschaft ein Gesundheitsprogramm an, unter anderem auch mit einem Modul zum Thema „Mental Health“.

Gleichzeitig gibt es aber auch bei älteren Mitarbeitenden typische Belastungen, zum Beispiel wenn es um Dauerbelastung, langjährige Verantwortung oder die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben geht. Auch dafür bieten wir passende Trainings an, die entlasten und vorbeugen sollen.

Aus meiner Erfahrung zeigt sich: Es betrifft alle Generationen, aber die Ausprägungen unterscheiden sich. Jüngere haben häufig Orientierungsdruck, ältere eher Themen wie Dauerbelastung oder Vereinbarkeit. Mit unseren Angeboten reichen wir den Leuten die Hand, aber am Ende des Tages liegt es in der Verantwortung jedes Einzelnen, diese Hand auch zu ergreifen. 

 

Spielt Mental Health auch eine Rolle im Recruiting?

Gute Gesundheitsangebote sind heute ein Faktor, der die Arbeitgeberattraktivität erheblich verbessert. Nicht nur, weil die einzelnen Angebote für Bewerbende interessant sind, sondern auch, weil sie zeigen, dass ein Unternehmen modern, verantwortungsvoll und zeitgemäß handelt. Vor allem Jüngeren ist das sehr wichtig.

Wenn die neuen Kollegen dann da sind, stellen wir bei unseren Onboarding-Veranstaltungen ein großes Interesse für unsere Gesundheitsangebote fest. Das freut uns als Unternehmen sehr, denn dadurch entsteht eine engere Mitarbeiterbindung, was gerade in Zeiten von Fachkräftemangel sehr wichtig ist.

 

In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten. Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.

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