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In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema Mental Health am Arbeitsplatz bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle Mental Health in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat.
Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort.
In diesem Interview spricht Nora Dietrich mit uns darüber, wie die Informationsflut für viele Beschäftigte zu einer großen Last wird.
Interview: Bärbel Brockmann, 20.05.2026
Die Zahl der Fehltage wegen mentaler Krankheiten steigt rasant. Macht Arbeit heutzutage psychisch kranker als früher?
Nora Dietrich: Ich glaube nicht, dass die Arbeit heute per se kranker macht. Wir haben einfach eine andere Form von Arbeit. Die lässt sich mit Arbeit in früheren Zeiten nicht vergleichen. Die Zukunftsforscherin Florence Gaub hat dazu einmal sinngemäß gesagt: Wir verarbeiten heute am Tag so viel Informationen wie ein Bauer im Mittelalter in seinem ganzen Leben. Das heißt, wir werden bombardiert mit Informationen, die wir verarbeiten müssen. Das wird für viele Beschäftigte zu einer großen Last. Sie kommen abends nach Hause und sind erschöpft, haben aber nicht das Gefühl, irgendetwas bewegt zu haben. Viele fühlen sich von dem kognitiven Overload überfordert.
Hinzu kommt, dass sich die Art, wie wir arbeiten in vielen Industrien verändert hat. Aber auch, was wir von Arbeit erwarten hat, sich verändert. Früher haben wir nicht erwartet, sinnstiftend zu arbeiten, menschlich geführt zu werden, uns ständig weiterentwickeln zu können. Heute erwarten wir das. Andernfalls ist der Frust groß. Die Arbeit an sich ist nicht das Problem. Eher schon die Arbeitskultur und deutlich höhere Ansprüche an die Arbeitskultur.
Ist das eine Generationenfrage?
Die Generationenforschung sagt immer wieder, dass es mehr Unterschiede innerhalb einer Generation gibt als zwischen den Generationen. Es gibt sehr viele sehr hart arbeitende Gen-Z-ler oder Millennials. Gleichzeitig sehen wir schon, dass diese jungen Generationen zum Beispiel Gesundheit nicht mehr nur als Zustand verstehen, den man vernünftigerweise erhalten will, sonders als Lebensstil. Die investieren einen großen Teil ihres Geldes in Well-being, in gesunde Community-Events. Und sie erwarten auch von ihrem Arbeitgeber entsprechende Angebote. Mentale Gesundheit ist mittlerweile zu einem Talentmagnet geworden, für die jungen Generationen, aber seit der Pandemie auch für die älteren Generationen.
Welche sind die häufigsten psychischen Erkrankungen?
Die häufigsten psychischen Erkrankungen sind depressive Erkankungen und Angststörungen. Verbreitet sind aber auch Substanzabhängigkeiten wie zum Beispiel Alkoholismus oder Medikamentenabhängigkeit. Auch Essstörungen kommen sehr häufig vor. Vor allem bei der Jugend als Folge von übermäßigem Social Media-Konsum. Die Wahrscheinlichkeit, mit jemandem in einem Team zu arbeiten, der an einer psychischen Erkrankung leidet, liegt bei ungefähr einem Drittel. Die genannten Erkrankungen haben Subgruppen, wie zum Beispiel Panikstörungen, bipolare Störungen. Es kommen aber auch viele Fälle aus dem Bereich der so genannten Neurodivergenzen, wie ADHS vor oder aus dem breiten Autismus-Spektrum. Diese Menschen lernen anders, sie kommunizieren anders. Da muss bei der Arbeit berücksichtigt werden.
Kann man sagen, dass bestimmte psychische Krankheiten zu bestimmten Geschlechtern passen?
Grundsätzlich betreffen alle psychischen Erkrankungen sowohl Männer als auch Frauen. Aber wir sehen schon, dass Frauen häufiger an Angststörungen und Depressionen leiden, Männer dagegen mehr an externalisierenden Störungen, wie zum Beispiel an Suchtabhängigkeiten. Auch die Ausprägung einer Krankheit ist oft unterschiedlich. Eine Depression führt bei Frauen oft zu einer inneren Abschottung, während sie bei Männern eher zu aggressivem Verhalten führt.
Welchen Rat geben Sie Unternehmen, die etwas für Mental Health tun wollen?
Es ist wichtig, erst einmal eine Datenbasis zu schaffen. Eine Möglichkeit sind hier die klassischen Mitarbeiterbefragungen. Dort wird ermittelt, wie es den Leuten gerade geht, wo sie die größten Hürden für eine gesunde Arbeit sehen und wo Verbesserungsmöglichkeiten. Noch besser ist es, die sogenannte Gefährdungsbeurteilung Psyche durchzuführen, die seit 2013 Teil des Arbeitsschutzgesetzes ist. Das ist ein systematischer Prozess, bei dem Arbeitgeber die psychischen Belastungen am Arbeitsplatz ermitteln, bewerten und geeignete Maßnahmen zum Schutz der Mitarbeitergesundheit ableiten. Das ist sehr spezifisch und bedürfnisorientiert und schafft das interne Pendant zu den extern eingekauften Maßnahmen wie etwa eine bezahlte Mitgliedschaft im Fitness-Studio.
Was kann man als Arbeitnehmer tun, um mental fit zu bleiben?
Wichtig ist vor allen Dingen, eine gute Beziehung zum eigenen Stress zu haben. Viele erkranken an chronischem Stress. Kurzfristiger Stress ist kein Problem, der mobilisiert eher. Chronischer Stress erschöpft und die Menschen machen einfach weiter, ohne sich zu regenerieren, ohne die Ursachen des Stresses aufzuarbeiten. Der chronische Stress auf Dauer, das ist das, was uns krank macht. Wir brauchen also gute Stress- und Entspannungsstrategien. Die Menschen sollten sich fragen, wie sie am besten regenerieren, wie sie im Arbeitsalltag Mikropausen einlegen können, wie sie ihren Arbeitstag so gestalten, dass er ihrem Rhythmus entspricht. Und sie müssen sich Grenzen setzen und offen aussprechen lernen, dass sie eine Aufgabe, ein Projekt nicht mehr schaffen. Für Resilienz brauchen wir auch ein soziales Netzwerk, Menschen, denen man im Betrieb vertraut.
Spielt Arbeit heute eine andere Rolle im Leben?
Früher haben viele Menschen in der Arbeit nicht in erster Linie nach Sinn, Zugehörigkeit und Zusammenhalt gesucht. Diese Grundbedürfnisse fand man außerhalb der Arbeit: in der Religion, in Nachbarschaften, in der großen Familie. Die Menschen waren meist ortsverbunden, man kannte sich. Heute sind die Menschen viel mobiler, viele leben in Mikrofamilien, sie wechseln die Orte häufiger. Die Folge ist, dass Arbeit heute diese Grundbedürfnisse erfüllen soll: als Ort, an dem man sich wohlfühlt, Freundschaften schließt. Früher gab es den Spruch: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Man arbeitet, um sich das Leben außerhalb der Arbeit schön machen zu können. Die jungen Generationen heute denken sich: Warum soll die Arbeit nicht Teil des Vergnügens sein?
Interview: Bärbel Brockmann
In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten. Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.
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