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In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema Mental Health am Arbeitsplatz bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle Mental Health in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat.
Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort.
In diesem Interview spricht Prof. Dr. Nicolas R. Ziebarth mit uns darüber, wie die Stigmatisierung psychischer Krankheiten zurück geht.
Interview: Bärbel Brockmann, 25.03.2026
Was sind die Ursachen für die Zunahme psychischer Probleme am Arbeitsplatz?
Prof. Nicolas Ziebarth: Psychische Probleme im Arbeitsumfeld und insbesondere die daraus resultierenden Fehlzeiten haben sich in den letzten 25 Jahren vervielfacht. Diese Entwicklung ist aber nicht nur am Arbeitsplatz zu beobachten. Insgesamt nehmen die Diagnosen psychischer Krankheiten in der Bevölkerung kontinuierlich zu. Noch ist aus wissenschaftlicher Sicht aber nicht hundertprozentig klar, was die Ursachen dafür sind. Viele Wissenschaftler argumentieren wohl zu recht, dass die Zunahme auf eine Reduktion der Stigmatisierung solcher Krankheiten zurückgeht. Man traut sich heute einfach häufiger, offen über eine psychische Krankheit zu sprechen, weil einen niemand mehr schräg ansieht. Vor einigen Jahrzehnten war die Hemmschwelle, dies zu tun, deutlich höher. Diese Tendenz sehen wir auch in anderen Ländern.
Eine weitere Ursache, die vor allem von Gewerkschaften vorgetragen wird, lautet: Der Arbeitsdruck und die Arbeitsbelastung haben zugenommen, auch infolge neuer Technologien. Diese Argumentation wird aber nicht unbedingt von den allgemein verfügbaren Daten gestützt. Wir arbeiten heute weniger als früher. Es gibt immer bessere Arbeitsschutzbestimmungen. Das Arbeitsumfeld ist also, zumindest gemessen anhand einiger Kennziffern, eher weniger belastend geworden. Zumindest scheint es so. Wahr ist aber auch, dass uns für eine objektive Messung der Arbeitsdichte oftmals die Zahlen fehlen, insbesondere für eine Bewertung über lange Zeiträume.
Aber es gibt noch einen möglichen dritten Grund für die Zunahme psychischer Erkrankungen. Es gibt vielfältige wissenschaftliche Belege darauf, dass Smartphones und Social Media und die Abhängigkeit von ihnen einen signifikant negativen Einfluss auf die Psyche und die mentale Gesundheit haben, besonders bei der jüngeren Generation.
Spielt das Home Office eine Rolle?
Das ist sicherlich vorstellbar. Die Menschen sind sehr unterschiedlich. Ein Großteil der Beschäftigten begrüßt es, einen Teil der Arbeit von zuhause erledigen zu können. Die überwiegende Zahl der wissenschaftlichen Studien kommt zu dem Schluss, dass die positiven Aspekte des Home Office überwiegen. Gerade Frauen schätzen es, da sie häufig durch Hausarbeit, Kinderbetreuung und Pflege Älterer eine Mehrbelastung zu tragen haben. Ihnen bringt das Arbeiten von zuhause mehr Flexibilität. Auch insgesamt begrüßen die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ein Mehr an freier Zeit, weil etwa die Fahrt zur Arbeit und zurück entfällt. Hinzu kommt, dass in der Regel niemand von seinem Arbeitgeber zum Home Office gezwungen wird, schon gar nicht permanent. Dennoch: Es könnte Menschen geben, für die sich das Home Office nachteilig auf ihre Psyche auswirkt. Zum Beispiel durch soziale Isolation oder durch das Gefühl, nicht mehr zu wissen, wann der Arbeitstag anfängt und wann er aufhört oder dass man Privatleben und Arbeitsalltag vermischt. Dadurch nimmt vielleicht der Druck zu. Wie gut oder wie schlecht man sich im Home Office fühlt, kommt entscheidend auch darauf an, wie man es für sich reglementiert.
Fühlen sich Jüngere eher mental ungesund als Ältere?
Generell kann man das zwar nicht sagen. Wir wissen aber aus vielen Untersuchungen, dass die jüngere Generation nicht mehr unbedingt die Einstellung vertritt, dass die Arbeit das Leben definiert. Sie legt mehr Wert auf Freunde, Familie und Freizeit. Stichwort Work-Life-Balance. Sie haben andere Ansprüche und fühlen sich schneller psychisch unter Druck. Hinzu kommt, dass die Gen-Z die erste ist, die komplett mit Smartphones, Social Media-Apps und allen Möglichkeiten im Internet aufgewachsen ist. Und zwar weitgehend unreguliert. Ich bin überzeugt, in 10, 20 Jahren werden wir zurückblicken und erkennen, welche schädlichen Auswirkungen das hatte. Im Prinzip ist die Wissenschaft schon sehr sehr klar darin. Auch Corona hat diese Generation besonders hart getroffen. Ich glaube schon, dass die Gen Z-Generation in gewisser Weise eine besondere ist. Aber mentale Probleme am Arbeitsplatz gibt es vielfach auch bei älteren Menschen. Aus einer anderen Richtung heraus. Die arbeiten oftmals bis zur Erschöpfung, bis zum Burn-out. Sie haben noch das Arbeitsethos von früher, wo man möglichst viel arbeitet, nicht auf den Körper achtet. Vor allem bei Männern in meiner oder meiner Elterngeneration ist das zu beobachten. Das Gefühl der psychischen Belastung findet sich in allen Generationen, aber bei der jungen Generation ist es stärker als in den anderen Generationen. Daher gibt es auch so ein grosses Interesse an der Frage, wie wir resilienter werden können.
Welcher ökonomische Schaden entsteht durch psychisch erkrankte Beschäftigte?
Da entsteht ein sehr großer Schaden, vor allem angesichts des vielerorts ohnehin bestehenden Fachkräftemangel. Mit psychischen Beschwerden fehlen die Beschäftigten in der Regel länger als mit körperlichen. Die Arbeitgeber sind zur Lohnfortzahlung bis zu sechs Wochen verpflichtet. Die Produktivität der Fehlenden ist aber Null. Wenn die Menschen dann erholt wiederkommen, können sie den Ausfall vielleicht ein wenig kompensieren, aber grundsätzlich verliert man als Unternehmerin oder Unternehmer die komplette Arbeitszeit und hat dieselben Kosten. Zudem müssen Kollegen dann die Arbeit der erkrankten Person übernehmen. Aber auch wenn sich die Beschäftigten nicht krank melden, leiden in der Regel die Konzentration und die Qualität ihrer Arbeit. Dadurch können weitere Konflikte am Arbeitsplatz und damit eine schlechte Stimmung entstehen. Die volkswirtschaftlichen Auswirkungen durch psychisch bedingte Fehlzeiten sind daher substanziell. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat ausgerechnet, dass Fehlzeiten die Unternehmen in Deutschland pro Jahr etwa 80 Milliarden Euro kosten. Ein immer größerer Anteil davon entfällt auf Fehlzeiten durch psychomentale Probleme.
Was kann ein Unternehmen wirkungsvoll für die mentale Gesundheit seiner Belegschaft tun?
Die Art, wie ein Unternehmen geführt wird und wie Mitarbeiter geführt werden, hat entscheidenden Einfluss auf die Arbeitsplatzzufriedenheit, die mentale Gesundheit der Mitarbeitenden und letztlich auch auf die Zahl der Fehltage. Eine gute Führung führt zu einer guten Stimmung im Betrieb und Spaß an der Arbeit. Dann sind auch die Fehlzeiten gering. Kleine und mittlere Unternehmen, zumal familiengeführte, haben hier einen Vorteil gegenüber sehr großen Unternehmen. Sie können den einzelnen Beschäftigten eher ein Gefühl der Wertschätzung vermitteln als das in einer großen hierarchischen Struktur der Fall ist. Sie können die Arbeit der einzelnen besser anerkennen. Man kann sich eher mit seiner Arbeit und dem Betrieb identifizieren, man hat seinen Platz. All das kann ein kleineres Unternehmen besser vermitteln als ein sehr großes.
Interview: Bärbel Brockmann
In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten. Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.
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