KI - Arbeitsplätze im Wandel

Experte - Dr. Andreas Liebl

Foto: Privat

Fragen an Experte Dr. Andreas Liebl

In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema KI im HR bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle KI im HR in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat. 

Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort. 

In diesem Interview spricht Dr. Andreas Liebl mit uns darüber, wieso die Mitarbeiter-Schulungen besser werden müssen, damit KI den Unternehmen Nutzen bringt.

 

Interview: Bärbel Brockmann, 09.09.2026

Das ist Dr. Andreas Liebl

Dr. Andreas Liebl ist CEO des KI-Beratungsunternehmens appliedAI. 

ChatGPT ist der Öffentlichkeit im Dezember 2022 vorgestellt worden. Wie sehr hat KI seither Einzug in die Unternehmen gehalten? 

Andreas Liebl: Wenn wir über KI sprechen, sprechen wir im Prinzip über drei Wellen. Wir haben seit 2017/2018 die maschinellen Lernverfahren. Seit Ende 2022 die generative KI und aktuell kommen die KI-Agenten, also spezielle Werkzeuge, die darauf trainiert werden, eine komplexe Aufgabe zu lösen, wie beispielsweise eine Anomalieerkennung für die vorausschauende Wartung. Bei der generativen KI ist die breite Anwendung in den Unternehmen am weitesten. In den allermeisten Unternehmen gehört sie schon zum Arbeitsalltag. Die Unternehmen haben meist eine Auswahl getroffen, welches Sprachmodell sie für sich nutzen. Oft sind das die Modelle ihrer Infrastrukturprovider, zum Beispiel Gemini von Google oder Copilot von Microsoft. Die Modelle werden den Mitarbeitern zur Verfügung gestellt. Sie werden geschult, damit sie die KI einsetzen können, um ihre Arbeitsaufgaben an der ein oder anderen Stelle zu beschleunigen. Das ist der durchschnittliche Stand der Nutzung von KI in Unternehmen. Aber es gibt auch sehr große Abweichungen nach oben und nach unten.

 

Haben die Unternehmen schon eine KI-Strategie?

Die meisten Unternehmen befinden sich noch in einer Experimentierphase. Eine professionelle und umfassende Herangehensweise, ein AI Mindset, indem man KI einfach bei allen Entscheidungen und Anwendungen mitdenkt, haben die wenigsten. Einen strategischen Ansatz, der vorgibt, was man mit dem Einsatz von KI erreichen will, sehe ich bislang noch nicht so oft. Allerdings gibt es schon Firmen, die hier dem Durchschnitt um mehrere Nasenlängen voraus sind – und solche, die gar nichts machen.  

 

Welche Fehler machen Unternehmen bei einem KI-Rollout?

Bei den maschinellen Lernverfahren, wird den Fachleuten im Unternehmen, die damit umgehen sollen, meist gesagt, seht her, hier ist ein neues Werkzeug, überlegt mal, wo ihr es einsetzen könnt, damit es eure Arbeit besser macht. Dann baut sich jeder seine prototypischen Anwendungen und am Ende hat man 50 oder 100 Piloten. Das bringt das Unternehmen nicht weiter, weil das Wissen nicht institutionalisiert wird, nicht breiter gemacht wird. Das ist ein typischer Fehler, den man unbedingt vermeiden sollte, wenn man als Unternehmen mit der neuen Technologie Wert schaffen will. Bei der generativen KI ist der klassische Fehler, dass die Sprachmodelle allen zur Verfügung gestellt werden, aber die Schulungen oft unzureichend sind. Man muss die Trainings von Anfang an mitdenken, ebenso die Anwendungen, die das Unternehmen voranbringen sollen. Man braucht einen Plan, um wirklich Wert aus der Nutzung zu erzeugen.

 

Welche Fehler werden bei den KI-Agenten gemacht?

Bei den Agenten ist es so, dass es wirklich eine Veränderung ist, wie Menschen und KI-Systeme arbeiten, wie Prozesse und Arbeitsabläufe aussehen. Das kann man nicht den Mitarbeitern überlassen. Das ist Sache der Unternehmensleitung. Sie muss festlegen, wofür die Menschen zuständig sind und was ein KI-System übernehmen muss. Der klassische Fehler ist zu denken, dass Fachleute im Unternehmen etwas machen und die IT es schon irgendwie lösen wird. Tatsächlich ist ein komplettes Neudenken darüber nötig, wie man als Organisation arbeitet. 

 

Wer sind die KI-Gewinner und wer die Verlierer?

Diejenigen Firmen und auch diejenigen Menschen, die sich mit der Technologie auseinandersetzen, die wissen, wie sie KI einsetzen können, stehen sicherlich eher auf der gewinnenden Seite. Alle diejenigen, die nicht die Möglichkeit haben, überhaupt die Fähigkeiten aufzubauen, die daher nicht wissen wie sie KI-Systeme einsetzen könnten, die werden am ehesten von Jobveränderungen, von Arbeitsveränderungen betroffen sein. Es ist also wichtig, die Menschen mit der Technologie bekannt zu machen, sie lernen zu lassen, sinnvoll damit umzugehen. KI ist eine Technologie, die bleiben und zu signifikanten Veränderungen in allen Bereichen unseres Lebens führen wird. Das Wichtigste ist zu sagen: Da wird eine Veränderung kommen. Wir können uns entscheiden, ob wir die Veränderung gestalten oder ob sie uns überrollt. Die Aufgabe der Unternehmensführung ist den Mitarbeitern mitzugeben, dass man bereit ist, aktiv zu gestalten, dass man auf der gewinnenden Seite sein möchte, dass man die Technologie einsetzt, um weiter nach vorne zu kommen und dass man die Mitarbeiter dabei mitnimmt.

 

Sehen Sie die Notwendigkeit, die KI-Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt zu regulieren?

Wir haben bereits den EU AI Act. Der regelt vor allem die technische Seite, also wie Systeme entwickelt und auf den Markt gebracht werden. Gewisse Standards sind hier sicherlich hilfreich, aber sie dürfen nicht so weit reichen, dass europäischen Unternehmen im internationalen Wettbewerb Nachteile entstehen. Denn der KI-Markt ist schließlich ein globaler Markt. Auf der anderen Seite hat KI einen erheblichen Einfluss auf den Arbeitsmarkt, aber auch auf das Bildungssystem, das Gesundheitssystem, kurz: auf die ganze Gesellschaft. Auf dem Arbeitsmarkt wird sicherlich eine erhebliche Anzahl Jobs wegfallen, während an anderer Stelle auch viele neue Jobs entstehen werden. Nur sind die Menschen, deren Job wegfällt, nicht unbedingt geeignet für die neuen Stellen. Hinzu kommt, dass die Veränderung so schnell passiert, dass wir kaum Möglichkeiten der Weiterbildung haben. Der Druck auf unsere Sozialsysteme dürfte auf jeden Fall steigen. Darauf muss die Politik reagieren. Nicht mit vorschneller Regulierung, sondern mit Ideen, wie man die neue Arbeitswelt gestaltet. Wenn KI dazu führt, dass menschliche Arbeit im großen Stil ersetzt wird, müssen wir uns damit auseinandersetzen, wie zum Beispiel eine Besteuerung KI-basierter Wertschöpfung aussehen könnte, um eine 20-Stunden-Woche zu finanzieren. Das ist nur eine mögliche Idee unter vielen, aber sie zeigt, in welche Richtung das Denken gehen muss. Es ist höchste Zeit, sich mit der Gestaltung der Gesellschaft im KI-Zeitalter zu beschäftigen. 

 

Interview: Bärbel Brockmann

In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten.  Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.

© 2026 Der Entrepreneurs Club. Alle Rechte vorbehalten. Texte: nicht kommerzielle, auszugsweise Nutzung unter Quellenangabe https://www.karriere-familienunternehmen.de gestattet. Fotos: © 2026 Der Entrepreneurs Club /  Dr. Andreas Liebl

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