KI - Arbeitsplätze im Wandel

Foto: August Bremicker Söhne KG

Künstliche Intelligenz bei Familienunternehmen:
So nutzt ABUS KI im HR

Interview mit Dr. Lutz Roese-Koerner, Abteilungsleiter KI bei ABUS

In den kommenden Wochen dreht sich bei uns alles um das Thema KI im HR bei Familienunternehmen. Führungskräfte Deutschlands und Unternehmensnachfolger:innen führender deutscher Familienunternehmen verraten uns exklusiv, welche Rolle KI im HR in ihrem Unternehmen spielt und welchen Einfluss es auf ihre Entwicklung hat. 

Doch auch unabhängige Expert:innen aus Wissenschaft und Gesellschaft kommen bei uns zu Wort. 

In diesem Interview spricht Dr. Lutz Roese-Koerner mit uns darüber, wie KI bereits in kurzer Zeit viel verändert hat.

 

Interview: Bärbel Brockmann, 21.10.2026

Welche KI-Strategie verfolgt ABUS?

Lutz Roese-Koerner: Wir sind auf unsere KI-Reise gestartet und verfolgen dabei zwei Ansätze gleichzeitig: Die Demokratisierung von KI einerseits und die Entwicklung von anspruchsvollen KI-Lösungen in speziellen Bereichen andererseits. Zur Demokratisierung: Wir haben Anfang des Jahres ein Projekt aufgesetzt, das es den teilnehmenden Mitarbeitern in allen Abteilungen ermöglicht, KI in ihren Arbeitsalltag zu integrieren. Nach einer Schulung im Umgang mit verschiedenen KI-Tools haben wir einen Rahmen abgesteckt, in dem sie mit KI experimentieren und erkennen können, wo ihr Einsatz wertsteigernd wirkt. Der zweite Weg sind unsere High-Value-Cases. Da bauen wir mithilfe von KI maßgeschneiderte Lösungen, beispielsweise via Automatisierungsplattformen, für die Anbindung an ERP und sonstige Systeme. 

 

< >Nadine Lahn, Wissenschaftlerin am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart

Expertin Nadine Lahn

Wissenschaftlerin am Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement der Universität Stuttgart

Wie wird KI die Arbeitswelt verändern?

Nadine Lahn: Genau zu dieser Frage haben wir zusammen mit dem Bundesarbeitsministerium für Arbeit und Soziales ein Projekt aufgesetzt. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass KI bis spätestens 2035 fast jeden Beruf verändern wird. Es werden neue Rollen entstehen, andere werden wegfallen. Die Arbeitsweisen, die Aufgaben werden sich verändern. Mitarbeitende, die bestimmte Aufgaben nicht mehr selbst durchführen müssen, bekommen andere Rollen. Sie müssen Dinge einordnen, Zusammenhänge kritisch prüfen, mehr Steuerungsfunktionen einnehmen. Die Menschen werden lernen, mit KI zusammenzuarbeiten. Gegenwärtig sehe ich einen Hype um KI, in zehn Jahren wird sie etwas ganz Selbstverständliches sein. 
 

Ergeben sich durch den Einsatz schon Veränderungen in Arbeitsabläufen?

Wir sehen jetzt schon, dass sich die Arbeit durch den Einsatz von KI verändert, und zwar quer durch alle Abteilungen. Das ging deutlich schneller, als wir erwartet hatten. Uns hat auch positiv überrascht, wie viele der Mitarbeitenden bei dem komplett freiwilligen Pilotprojekt mitmachen. Schon nach wenigen Monaten sehen wir, wo überall Potenziale liegen. Dass man in der Softwareentwicklung Effizienzen durch KI hebt, weil sie das Schreiben von Programmcodes übernehmen kann, ist ja weithin bekannt. Aber wir sehen auch Anwendungen im Controlling, in der Marktforschung und im Marketing. In der Personalabteilung haben die Kollegen beispielsweise KI-Assistenten eingesetzt, um die Trainingsangebote verschiedener Anbieter zu vergleichen. Und bei der Auftragsannahme ist es uns gelungen, viele Prozessschritte zu automatisieren und so den manuellen Anteil stark zu reduzieren. KI hat also in kurzer Zeit in sehr vielen Abteilungen schon viel verändert. 

 

Wie stellen Sie sicher, dass die Richtigkeit der KI-Antworten gewährleistet ist? 

Durch die Sensibilisierung der Nutzer und durch Prüfprozesse. Die Mitarbeiter werden in regelmäßigen Schulungen dafür sensibilisiert, dass KI durchaus auch falsche Ergebnisse zutage fördert - dass sie halluziniert. Sie ist im Kern eine Wahrscheinlichkeitsmaschine. Die Ergebnisse sehen immer gut aus, aber sie können auch frei erfunden sein. Wir machen auch darauf aufmerksam, dass die Qualität der Ergebnisse sehr stark von der Qualität der Daten abhängt, die der KI zur Verfügung stehen. Über die Sensibilisierung hinaus haben wir Überprüfungsprozesse etabliert. Mitunter ist auch das Vier-Augen-Prinzip nötig. In der Softwareentwicklung ist das heute schon Standard. Wir achten bei der Gestaltung von Prozessen darauf, dass es bei KI-generierten Inhalten immer einen „Human-in-the-Loop“ gibt, der die Verantwortung trägt. Wir haben keine autonome KI. Am Ende steht immer der Mensch.

 

ABUS - Firmenzentrale

Gibt es Stellen, die in der Zukunft nicht mehr nötig sein werden?

KI wird Aufgaben und Stellenprofile verändern. Unser Ziel ist es, Mitarbeitende von repetitiven Tätigkeiten zu entlasten und Kapazitäten für wertschöpfende Aufgaben zu schaffen. Einen KI-bedingten Stellenabbau planen wir derzeit nicht. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben und Kompetenzprofile. Wir sind zum Beispiel gerade in der glücklichen Lage, dass wir in manchen Geschäftsbereichen schneller Aufträge hereinbekommen, als die Mitarbeiter in den Fachabteilungen sie verarbeiten können. Mit KI wollen wir die Abläufe effizienter gestalten, um mehr Geschäft realisieren zu können. Hier sehen wir schon erste Erfolge. 

 

Kann es sich ein Unternehmen heute noch leisten, auf den Einsatz von KI zu verzichten?

Ich glaube nicht. Schon deswegen nicht, weil KI längst in ganz vielen Unternehmens- und auch Lebensbereichen Einzug gehalten hat. Wer heute eine Google-Suche startet, bekommt als erstes eine KI-generierte Antwort. Hinzu kommt, dass man schon bei einfachen Anwendungen sehr schnell einen Mehrwert sieht.  Zudem bietet KI einen sehr großen Hebel in ganz vielen unterschiedlichen Bereichen, sei es in Businessprozessen oder sei es bei Produkten - das kann sich kein Unternehmen entgehen lassen. 
Überall dort, wo es für den Menschen schwer ist, in komplexen Zusammenhängen den Überblick zu behalten, kann KI sehr gut unterstützen. Das gilt, glaube ich, für alle Unternehmen.

 

Inwieweit ist ein Familienunternehmen wie ABUS besser positioniert, negativen Konsequenzen von KI für die Belegschaft abzufedern?

Bei der Einführung von KI schwingt bei den Mitarbeitenden oft die Angst mit, sie könnten ihren Arbeitsplatz verlieren. Da ist es schon sehr wichtig, dass ABUS als Familienunternehmen sehr stark wertegetrieben ist. Mitarbeiter sind für ABUS wertvoll. Das wird nicht nur gesagt, sondern tatsächlich auch gelebt. Wir können den Menschen glaubhaft machen, dass wir die KI als Unterstützung für die Menschen wollen und nicht als Ersatz. Das erhöht ihr Sicherheitsgefühl und erhöht dadurch auch die Bereitschaft, KI auszuprobieren. Wenn man dagegen ständig Angst haben müsste, sich durch KI-Tools wegzurationalisieren, würde man reflexhaft versuchen, den Einsatz zu verhindern. Wir bei ABUS geben das Signal, dass wir gemeinsam mit der Belegschaft den KI-Weg gehen wollen. Das sehe ich als einen sehr großen Vorteil in einem wertegetriebenen Familienunternehmen wie ABUS. 

 

In dieser Reihe haben wir die selbstgewählten Personenbezeichnungen der Interviewpartner beibehalten. Dadurch entstehen Unterschiede in der Genderschreibweise.

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